Die­ses Jahr wer­den wie­der Ge­werk­schaf­ter_in­nen1, Au­to­no­me und Nazis im ge­sam­ten Bun­des­ge­biet alles daran set­zen den ers­ten Mai zu einem ganz be­son­de­ren Er­leb­nis zu ma­chen. Doch auch die un­ter­schied­li­chen Ak­ti­ons­for­men (Stand­ort­de­mos, das An­zün­den von Po­li­zei­ein­hei­ten und Wan­der­kes­sel durch men­schen­lee­re Stra­ßen) kön­nen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass der erste Mai mitt­ler­wei­le alles an­de­re als re­vo­lu­tio­när ist.

So lau­tet die For­de­rung des DGB in die­sem Jahr: »Gute Ar­beit, ge­rech­te Löhne und einen star­ken So­zi­al­staat«. Die Pa­ro­le ist dabei schon längst aus­tausch­bar ge­wor­den. Lohnar­beit, so scheint es, ge­hört zur Mensch­heit wie Ross zu Rei­ter_in. Dem­ge­gen­über ist al­ler­dings fest­zu­hal­ten, dass der der­zeit herr­schen­de Pro­duk­ti­ons­pro­zess eine his­to­risch-​spe­zi­fi­sche Form der Pro­duk­ti­on ist. Zwar muss in jeder Ge­sell­schaft der Natur das Nö­tigs­te durch Ar­beit ab­ge­trotzt wer­den, nur im Ka­pi­ta­lis­mus aber sind die un­mit­tel­ba­ren Pro­du­zen­ten von den Pro­duk­ti­ons­mit­teln ge­trennt.

Zwar sind die Men­schen ohne Be­sitz an Pro­duk­ti­ons­mit­teln im Ge­gen­satz zur Feu­dal­herr­schaft for­mell frei, kön­nen also ent­schei­den, bei wem sie ver­trag­lich ge­re­gelt ihre Ar­beits­kraft ver­kau­fen. Sie sind je­doch ma­te­ri­ell dazu ge­zwun­gen zu ar­bei­ten, wenn sie genug Geld haben wol­len, um sich das Not­wen­digs­te wie Le­bens­mit­tel oder Sta­tus­sym­bo­le leis­ten zu kön­nen. Der Lohn der Ar­bei­ter_in­nen ent­spricht dabei nicht dem Pro­fit, den die Ka­pi­ta­lis­t_in­nen mit der An­wen­dung der Ar­beits­kraft er­wirt­schaf­tet haben, son­dern dem, was die Ar­bei­ter_in­nen zum ›Über­le­ben‹ brau­chen. Der ein­zi­ge Zweck der Pro­duk­ti­on im Ka­pi­ta­lis­mus ist die Ma­xi­mie­rung des Pro­fits – ein Zweck, dem die Ka­pi­ta­lis­t_in­nen bei Stra­fe des ei­ge­nen Ruins nach­kom­men müs­sen. Die Be­frie­di­gung mensch­li­cher Be­dürf­nis­se ist dabei nur eine Fuß­no­te zur Er­rei­chung die­ses Ziels. In der täg­li­chen Kon­kur­renz blei­ben die Be­dürf­nis­se der meis­ten Men­schen nicht nur un­er­füllt, sie wer­den kon­se­quent miss­ach­tet und ver­letzt. Dass ›An­ge­bot und Nach­fra­ge‹ in­so­weit zu einer op­ti­ma­len Steue­rung der Pro­duk­ti­on füh­ren wür­den, ist nichts als bür­ger­li­che Ideo­lo­gie.

Eine pa­ra­do­xe Folge die­ses Sys­tems ka­pi­ta­lis­ti­scher Kon­kur­renz ist, dass trotz der ra­san­ten Ef­fi­zi­enz­stei­ge­run­gen in der Pro­duk­ti­on, sei es durch Ma­schi­nen oder bes­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on der Ar­beit, die Men­schen nicht we­ni­ger ar­bei­ten müs­sen. Würde das Ka­pi­tal die Er­hö­hung der Ef­fi­zi­enz an die Ar­bei­ter_in­nen wei­ter­ge­ben – etwa in Form von Ar­beits­zeit­ver­kür­zung, Loh­ner­hö­hung oder bes­se­ren Ar­beits­be­din­gun­gen – würde das eine Ein­schrän­kung des Ge­winns dar­stel­len. Im Ge­gen­teil müs­sen dem Ka­pi­tal immer wie­der die ein­fachs­ten Ver­bes­se­run­gen der Ar­beits­be­din­gun­gen durch ge­setz­li­chen Zwang oder Ge­gen­wehr der Ar­bei­ter_in­nen auf­ge­herrscht wer­den.

Bei der Ana­ly­se der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se darf je­doch die ge­sell­schaft­li­che Re­pro­duk­ti­on nicht aus dem Blick ge­ra­ten2. Der Ka­pi­ta­lis­mus be­darf der per­ma­nen­ten Re­pro­duk­ti­on der Ware Ar­beits­kraft, sei es durch Fort­pflan­zung der Men­schen als auch durch Re­ge­ne­ra­ti­on der ver­schlis­se­nen Ar­beits­kraft abends auf dem Sofa sowie der Er­näh­rung der Fa­mi­lie. Diese Ar­beit über­neh­men, trotz Um­struk­tu­rie­run­gen der so­zia­len Ge­ge­ben­hei­ten, immer noch vor allem Frau­en3. Die Rol­len, denen Frau­en und Män­ner heut­zu­ta­ge nach­ge­hen, las­sen sich nicht aus der Öko­no­mie ab­lei­ten. Es ist für das Ka­pi­tal weder not­wen­dig, dass nur Frau­en sich um die Re­pro­duk­ti­on küm­mern, noch dass diese Ar­beit pri­va­ti­siert im Haus­halt von­stat­ten­geht. Die spe­zi­fi­sche Form der ge­sell­schaft­li­chen Re­pro­duk­ti­on lässt sich nur unter Rück­griff auf das bür­ger­li­che Ge­schlech­ter­mo­dell er­klä­ren. Die­ses struk­tu­riert nicht nur die Auf­tei­lung der Ar­beit im Sinne, dass der Mann für die Er­näh­rung der Fa­mi­lie und die Frau für den Haus­halt zu­stän­dig ist, son­dern weist den Ge­schlech­tern auch ein be­stimm­tes Rol­len­bild zu. Die Frau ist nach die­sem Rol­len­bild emo­tio­nal und ein­fühl­sam, wäh­rend der Mann hart und nüch­tern sei­nen All­tag be­strei­tet. Aus die­sen Zu­schrei­bun­gen er­gibt sich die Auf­tei­lung der Ar­beit in der Fa­mi­lie, die den Frau­en die Haus­ar­beit zu­weist.

Haus­ar­beit ist eine grund­sätz­li­che an­de­re Ka­te­go­rie als Lohnar­beit, da sie nicht über den Markt ver­mit­telt wird. Lohnar­beit ist abs­trak­te Ar­beit, in ihr wird von der kon­kre­ten Ar­beit des ein­zel­nen Men­schen ab­stra­hiert und der Lohn an­hand des ge­sell­schaft­li­chen Durch­schnitts des Stan­des der Pro­duk­tiv­kräf­te ver­han­delt. Haus­ar­beit, hier pri­va­te fa­mi­liä­re Ar­beit im Haus­halt4, hin­ge­gen ist ein­fach nur die kon­kre­te Ar­beit, die nur einen Ge­brauchs­wert her­stellt, zum Bei­spiel die ge­putz­te Woh­nung oder den zum un­mit­tel­ba­ren Kon­sum vor­ge­se­he­nen Ein­topf.

Eine Lö­sung die­ses Pro­blems je­doch ist kei­nes­wegs zu mei­nen sich die bür­ger­li­chen Ge­schlechts­kon­struk­tio­nen zu eigen ma­chen zu kön­nen und zum Bei­spiel zu pos­tu­lie­ren, dass Frau­en auf­grund ihres an­geb­lich sen­si­ble­ren We­sens ge­eig­ne­ter wären, Un­ter­neh­men zum Ge­winn zu füh­ren und dar­aus fol­gend die to­ta­le Gleich­be­rech­ti­gung durch­zu­set­zen. Die Wich­tig­keit, die die pri­va­te re­pro­duk­ti­ve Ar­beit für die Fort­füh­rung der ka­pi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie be­sitzt, darf daher bei einer Ana­ly­se des Ka­pi­ta­lis­mus nicht ver­ges­sen wer­den.

Als wenn der ganze Mist nicht schon schlimm genug wäre, tritt der erste Mai in Han­no­ver die­ses Jahr nicht mehr nur unter dem glei­cher­ma­ßen furcht­ba­ren Namen »Tag der Ar­beit«, son­dern auch als »Fest der De­mo­kra­tie« in Er­schei­nung. Iro­ni­scher­wei­se ist damit wohl un­be­ab­sich­tigt genau die Farce ge­trof­fen zu denen Lohn- und Ar­beits­kämp­fe unter Regie des DGB ver­kom­men sind: zu einem Fest der De­mo­kra­tie.

Um die Ver­kür­zung der Ar­beits­zeit und die Er­hö­hung des Lohns muss die­je­ni­ge Klas­se, wel­che ge­zwun­gen ist, ihre Ar­beits­kraft zu ver­kau­fen, seit jeher strei­ten; schon al­lei­ne um dem Ka­pi­tal ein Mi­ni­mum an ele­men­ta­rer Rück­sichts­nah­me auf die ei­ge­nen In­ter­es­sen ab­zu­rin­gen. Diese Kämp­fe, die sel­ten als re­vo­lu­tio­nä­re ge­führt wur­den, aber im­mer­hin des öf­te­ren eine Kon­fron­ta­ti­on mit Ka­pi­tal und Staats­ge­walt in­ne­hat­ten, sind zu­min­dest in Deutsch­land schon seit ge­rau­mer Zeit Schnee von ges­tern. Statt diese nost­al­gisch auf­zu­la­den und als letz­te his­to­ri­sche Re­vo­lu­ti­ons­chan­cen zu ver­klä­ren lohnt es sich einen Blick dar­auf zu wer­fen, wie es dazu kom­men konn­te und wel­che Si­tua­ti­on wir heute vor­fin­den.

Die Pro­le­ta­ri­sier­ten sind sie dabei in Deutsch­land schon längst nicht mehr dar­auf ver­wie­sen ihre In­ter­es­sen selbst gel­tend zu ma­chen. Statt­des­sen ste­hen ihnen in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Ge­werk­schaf­ten zur Seite die ver­su­chen dafür sor­gen, dass im­mer­hin das an Lohn her­aus­springt, was mit ren­ta­bler Aus­beu­tung noch ver­ein­bar ist. Zu­sätz­lich kön­nen sich die Ar­bei­ter_in­nen auf ein Ar­beits­recht be­ru­fen, wel­ches die Un­ter­neh­mer_in­nen zu ele­men­ta­rer Rück­sichts­nah­me auf die Un­ver­sehrt­heit und dau­er­haf­te Nutz­bar­keit der Lohn­ab­hän­gi­gen ver­pflich­tet. Diese In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung und Ver­recht­li­chung des Klas­sen­kamp­fes hat auch eine po­li­ti­sche Seite5. Die Pro­le­ta­ri­sier­ten sind als gleich­be­rech­tig­te Staats­bür­ger mit einem Wahl­recht aus­ge­stat­tet um ihrer un­ver­meid­ba­ren Un­zu­frie­den­heit mit der ma­te­ri­el­len Si­tua­ti­on durch die Wahl einer ›bes­se­ren Re­gie­rung‹ Aus­druck ver­lei­hen zu kön­nen. Damit wird das pro­le­ta­ri­sche In­ter­es­se er­folg­reich im Rah­men de­mo­kra­ti­scher Herr­schafts­kon­sti­tu­ti­on auf die Re­gie­ren­den über­tra­gen, die es eben nächs­tes Mal bes­ser ma­chen sol­len. Im Ge­gen­zug ver­spre­chen die für die Herr­schaft kan­di­die­ren­den sich zum Bei­spiel durch Min­dest­löh­ne auch für die In­ter­es­sen der ›un­te­ren Schich­ten‹ ein­zu­set­zen. Selbst­re­dend nur im Rah­men des­sen, was fi­nan­zier­bar und mit er­folg­rei­cher Aus­beu­tung ver­ein­bar ist. Für wahr ein Fest der De­mo­kra­tie.

Auch der mit Hartz 4 ein­her­ge­hen­de Abbau der so­zia­len Zu­ge­ständ­nis­se, die einst die In­te­gra­ti­on der Pro­le­ta­ri­sier­ten be­wirk­ten, scheint nichts an die­sem Prin­zip der De­le­ga­ti­on des ei­ge­nen In­ter­es­ses ge­än­dert zu haben. Sel­ten waren die Stra­ßen so leer und der so­zia­le Pro­test so wir­kungs­los wie zu Zei­ten des So­zi­al­ab­baus im spä­ten 20. und frü­hen 21. Jahr­hun­dert. Die­je­ni­gen wel­che bis zu­letzt pro­tes­tier­ten fin­den heute ihren Platz in der Links­par­tei und rin­gen dort – wie könn­te es an­ders sein – selbst darum die de­mo­kra­ti­sche Herr­schaft bes­ser mit­ge­stal­ten zu kön­nen.

Das Aus­blei­ben pro­le­ta­ri­schen Be­wusst­seins und of­fe­nen Klas­sen­kamp­fes hat sei­nen Grund auch in der Iden­ti­fi­ka­ti­on der Ein­zel­nen mit dem staat­li­chen Kol­lek­tiv. Diese wie­der­um ent­springt der ob­jek­ti­ven Ab­hän­gig­keit der Staats­bür­ger_in­nen vom Ab­schnei­den des ei­ge­nen Staa­tes in der Welt­markt­kon­kur­renz. Je er­folg­lo­ser sich der hei­mi­sche Staat und sein Ka­pi­tal in eben jener Kon­kur­renz schlägt, desto we­ni­ger so­zia­le Leis­tun­gen und Zu­ge­ständ­nis­se sind mög­lich. Die ei­ge­nen Klas­sen­in­ter­es­sen wer­den so wir­kungs­voll ver­drängt vom In­ter­es­se am Wohl­er­ge­hen des Staa­tes.

Eine Kri­tik, die dazu auf­ruft tat­säch­lich für das ei­ge­ne In­ter­es­se ein­zu­tre­ten, also das Prin­zip Aus­beu­tung und Lohnar­beit ins­ge­samt an­zu­grei­fen, muss darum auch immer eine Kri­tik an Staat und Na­ti­on be­inhal­ten.

Wir rufen des­halb dazu auf das fal­sche Ganze immer und über­all an­zu­grei­fen. Kommt des­halb am ers­ten Mai zum an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Block der An­ti­fa­schis­ti­schen Aktion Han­no­ver auf der Ge­werk­schafts­de­mo. Wir wol­len uns nicht kon­struk­tiv in das Be­ste­hen­de ein­brin­gen, son­dern for­dern die Pro­duk­ti­on so ein­zu­rich­ten, dass sie sich an den Be­dürf­nis­sen ori­en­tiert und nicht die Be­dürf­nis­se an der Pro­duk­ti­on:

Für diese Ge­sell­schaft kei­nen Fin­ger krumm!
Für den Kom­mu­nis­mus!

  1. Wir ver­wen­den in un­se­ren Tex­ten, wenn es um Ge­schlecht­lich­keit geht, den Un­ter­strich, wie z.B. bei »Scheiss­po­li­zis­t_in­nen«, um die herr­schen­de Zwei­ge­schlecht­lich­keit der deut­schen Spra­che auf­zu­bre­chen. So er­öff­net der Un­ter­strich einen Raum für alle, die sich nicht den bei­den Polen he­ge­mo­nia­ler Ge­schlecht­lich­keit un­ter­ord­nen wol­len. siehe dazu: A.G. Gen­der-​Kil­ler [zurück]
  2. Die­ses ist seit der Haus­ar­beits­de­bat­te in den sieb­zi­ger Jah­ren Ge­gen­stand fe­mi­nis­ti­scher Kri­tik, ist je­doch sel­ten in ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen ein­ge­flos­sen. [zurück]
  3. Die his­to­ri­schen Ge­ge­ben­hei­ten ma­chen es hier nötig von Frau­en und Män­nern zu spre­chen, un­ab­hän­gig von in­di­vi­du­el­len Ver­or­tun­gen. Trans-​ oder in­terse­xu­el­le Men­schen haben in die­ser Kon­stel­la­ti­on kei­nen Platz. Deren Zu­gang zu Pro­duk­ti­on wie Re­pro­duk­ti­on ist immer ein an­de­rer als der von Men­schen, die sich mit der he­te­ro­s­e­xis­ti­schen Ver­ord­nung ein­ver­stan­den er­klä­ren kön­nen. [zurück]
  4. Na­tür­lich kann auch Haus­ar­beit zu einem Ort ka­pi­ta­lis­ti­scher Kon­kur­renz ge­macht wer­den. Die durch­schnitt­li­che Fa­mi­lie hat aber kei­nes­wegs die Mit­tel Men­schen an­zu­stel­len, die die an­fal­len­de Ar­beit gegen Lohn ver­rich­ten. [zurück]
  5. Nicht ver­schwie­gen wer­den soll, dass diese his­to­risch oft von bru­ta­ler Staats­ge­walt flan­kiert war – Zu­cker­brot und Peit­sche. [zurück]